03.05.2002 Bund - DIE LEUTE SCHAUEN BESSER HIN

SCHÜPFEN / Die Vandalenakte im Dorf hätten nicht zugenommen, versichert Gemeinderätin Petra Zürcher - vielmehr sei die Bevölkerung aufmerksamer geworden.

rr. Zuerst eine versprayte Unterführung. Dann im letzten Mai ein Zusammenstoss zwischen Punks und Rechten am Bahnhof. Anschliessend kaputte Scheiben an einem Fabrikgebäude, entdeckt im Februar dieses Jahres. Und, nur wenige Tage später, Vandalenakte beim Oberstufenzentrum, bei einem TV- und Hi-Fi-Geschäft und einem Blumenladen. Schliesslich, vor zehn Tagen, ein Brandanschlag auf das Haus einer Schweizer Familie türkischer Herkunft (vgl. "Bund" vom 23. 4.) - der laut einem Sprecher der Kantonspolizei noch nicht aufgeklärt ist.

"Hellhörige Bevölkerung"

Der Eindruck entsteht, dass die Jugendlichen in der Gemeinde Schüpfen immer gewalttätiger werden. "Das ist falsch", antwortet Petra Zürcher (Schüpfen plus), die im Gemeinderat für Jugendfragen zuständig ist. "Unser Dorf ist keine Insel der Gewalt." Auch in anderen Gemeinden seien die zunehmenden Vandalenakte momentan ein Thema, zeigt sich die Gemeinderätin überzeugt. "Das ist ein Zeichen der Zeit." Im Gegensatz zu vielen anderen Dörfern sei die Schüpfener Bevölkerung aber "hellhörig": Vandalenakte und andere Vorfälle würden den Behörden rasch gemeldet. Auch interessierten sich die Medien in einem stärkeren Ausmass für das Problem. Kurz: "Die Leute schauen wieder besser hin", sagt Zürcher. Und auch die Kantonspolizei sei "aufmerksamer", wie ein Sprecher versichert.

Damit sei ein wichtiger erster Schritt zur Lösung des Problems gemacht, sagt Petra Zürcher. Diese Meinung teilt auch Giorgio Andreoli, der Projektleiter der Beratungsstelle "Gemeinsam gegen Gewalt und Rassismus" (gggfon), der auch Schüpfen angeschlossen ist. "Die Behörden müssen die Bevölkerung für das Problem sensibilisieren", sagt er. Wenn die Gewalt nicht totgeschwiegen werde, verliere ein Dorf für Randalierer an Attraktivität.

"Schnell reagiert"

"Hier hat der Schüpfener Gemeinderat gut und schnell reagiert", sagt Andreoli. Kurz nachdem es im vergangenen Frühjahr ein Scharmützel zwischen jungen Punks und Rechten am Bahnhof gegeben hatte, schloss sich die Gemeinde dem gggfon an. Auch verkündete der Gemeinderat in einem Flugblatt und an der Gemeindeversammlung, dass es in Schüpfen "für menschenverachtendes Gedankengut keinen Platz hat".

"Ein Konzept reicht nicht"

Hinschauen ist aber gemäss Gemeinderätin Zürcher nur ein erster Schritt, um der Gewalt entgegenzutreten. Auch auf die Prävention - vor allem in der Schule - müsse ein grosses Gewicht gelegt werden, sagt sie. Denn: "Ein Konzept, mit dem ein aktuelles Problem bekämpft werden kann, reicht nicht aus. Es muss auch realisierbar und umsetzbar sein." Deshalb gebe es in Schüpfen einen runden Tisch, an dem sich Behörden mit Vertreterinnen und Vertretern der Schule, der Kirche, der Eltern und der Dorfvereine zweimal pro Jahr über aktuelle Fragen unterhalten und die Zuständigkeiten besprechen. Das Thema des Jahres: Gewalt.

Auch die Schule habe auf die "Wellenbewegung der Gewalt" reagiert, sagt Nikolaus Gschwend, der Schulleiter des Oberstufenzentrums. In einem zweitägigen Kurs werden nächste Woche 22 Schüler ab der 5. Klasse zu Mediatoren ausgebildet. Ihre Aufgabe wird es sein, in Konfliktfällen zwischen ihren Mitschülern zu vermitteln.